Monsanto-Schuldspruch: Jetzt geht es erst richtig los

F. William Engdahl

Der Agrarchemiekonzern Monsanto ist von einem Gericht in Kalifornien zur Zahlung von 289 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt worden. Die Geschworenen kamen zu dem Urteil, dass das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup schuld daran sei, dass der ehemalige Hausmeister Dewayne Johnson an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist. Wenig überraschend will Monsanto, das inzwischen zu Bayer gehört, das Urteil anfechten. Hier die haarsträubenden Hintergründe.

Egal, wie das Berufungsgericht urteilt: Der Fall wird weltweite Folgen haben und dem gesamten Geschäftsmodell der Agrarchemie- und Gentechnik-Branche arge Probleme bereiten. Der Johnson Fall ist nur der erste von über 5000 in den USA, bei denen Monsanto vorgeworfen wird, dass die Inhaltsstoffe von Roundup Krebs verursachen. Der 46-jährige Johnson war früher in einem Schulbezirk in Kalifornien für die Unkrautbekämpfung zuständig. Im Rahmen seiner Aufgaben hat er über einen Zeitraum von mehr als zweieinhalb Jahren hinweg bis zu dreißigmal jährlich Roundup und das ebenfalls von Monsanto hergestellte Ranger Pro auf Schulen versprüht. Nach Einschätzung des Magazins Insurance Journal könnte der Schuldspruch das Ergebnis tausender ähnlich gelagerter Fälle beeinflussen, die gegen Roundup anhängig sind. An vielen der Fälle ist die kalifornische Kanzlei Baum, Hedlund, Aristei & Goldman PC beteiligt, die auch im Johnson-Fall den Kläger vertrat.

Monsantos Methoden werden vor Gericht enttarnt

Robert Kennedy Jr., einer der Anwälte der Klägerseite, schrieb eine Zusammenfassung der Kreuzverhöre, die Anklage und Verteidigung während des Johnson-Falls führten. Der Bericht zeigt auf verheerende Weise, wie Monsanto für Krebs sprechende Testergebnisse vertuschte, wie das Unternehmen gelogen hat und wie es »Experten« mit enormen Summen schmierte, damit diese nicht bewiesene Behauptungen Monsantos zur angeblichen Unbedenklichkeit von Roundup stützten.

Die Monsanto-Toxikologin Donna Farmer musste, als man sie mit einer internen Monsanto-E-Mail konfrontierte, eingestehen, dass ihre Hauptsorge nicht die öffentliche Gesundheit war, sondern die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften. Weiter musste sie eingestehen, dass sie dafür sorgte, dass Ghostwriter Artikel für vermeintlich unabhängige Wissenschaftler schrieben, in denen Glyphosat vor Kritik in Schutz genommen wurde. Ihre Erwiderung: »Daran kann ich nichts Falsches finden …«

 

Ein weiterer bezahlter Monsanto-Gutachter war Dr. Warren Foster. Er musste eingestehen, dass er, bevor Monsanto ihn dafür bezahlte, gegen die Tierstudien der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) auszusagen, noch nie eine Studie zu Glyphosat oder der Karzinogenität des Stoffes durchgeführt hatte. Die zur Weltgesundheitsbehörde gehörende IARC war 2015 zu dem Schluss gekommen, dass Glyphosat als »wahrscheinlich krebserregend« eingestuft werden müsse. Das Urteil war ein schwerer Schlag für Monsantos Behauptung, Roundup, das zu 31 Prozent aus Glyphosat besteht, sei weder für Mensch noch Tier schädlich.

Dr. Mark Martens, ein weiterer Toxikologe, der bei Monsanto in Diensten steht, wurde gefragt, warum Monsanto 1999 den unabhängigen Toxikologen Dr. James Parry zunächst als Spitzenexperten rühmte, dann aber seine Forschung fallen ließ. Parry war zu dem Schluss gelangt, die komplexe und nicht öffentliche Zusammensetzung von Roundup könne zu genetischen Mutationen führen.

Monsanto ließ Parry daraufhin fallen und weigerte sich, seine Studienergebnisse unabhängigen Forschern zur Begutachtung zu überlassen. Auch die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA wurde nicht über die Parry-Studie in Kenntnis gesetzt.

Eine andere von Monsanto als Gutachterin herangezogene »Expertin« war Dr. Lorelei Mucci, Krebs-Epidemiologin und außerordentliche Professorin an der Harvard School of Public Health. Mucci musste einräumen, dass Monsanto ihr 100 000 Dollar für ihre Aussage gezahlt habe. Monsantos Anwälte versuchten, den Experten Dr. Christopher Portier zu diskreditieren, indem sie ihn damit konfrontierten, die EPA sei im Gegensatz zur IARC zu dem Schluss gekommen, Glyphosat sei für Menschen »wahrscheinlich nicht« karzinogen.

Unter Eid erklärte Portier daraufhin, dass sowohl die amerikanische EPA als auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA bei diversen Nagetier-Studien zu Glyphosat fünfzehn Tumore übersehen hätten, weil sie mit den falschen Methoden arbeiteten. Portier: »Meine gesamte berufliche Laufbahn beruht darauf, mithilfe wissenschaftlicher Beweise Entscheidungen zu treffen, vor allem, was die Karzinogenität chemischer Verbindungen anbelangt. Wir haben Jahr um Jahr daran gearbeitet, das richtig hinzubekommen. Die Art und Weise, wie sie es gemacht haben, war einfach verblüffend falsch.«

In der Vernehmung von Dr. Charles Benbrook wurde auf ein Täuschungsmanöver hingewiesen. Dass die EPA darauf beharrte, ausschließlich über Glyphosat zu sprechen und nicht über die ebenfalls in Roundup enthaltenen Adjuvantien oder Tenside, solle die drängendere Frage vertuschen, »ob die Roundup-Rezeptur selbst und nicht nur ein einzelner Inhaltsstoff toxisch und Krebs erregend ist«, hieß es. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei dem Verfahren in San Francisco ein dokumentiertes Muster an Lügen und Vertuschungen ebenso zu Tage trat wie ein geheimer Krieg, den der Konzern in der Absicht führte, jene unabhängigen Toxikologen zu diskreditieren, deren Forschungsergebnisse bezüglich Roundup im Widerspruch zu Monsantos Behauptungen standen.

Alarmierende Ergebnisse

Am 26. Februar 2016 veröffentlichte das Fachmagazin International Journal of Environmental Research and Public Health einen Artikel, der zuvor einer Peer-Review unterzogen worden war. In dem Artikel geht es um Tests, die ein Team von Toxikologen mit den am häufigsten verwendeten, Glyphosat enthaltenden Unkrautvernichtungsmitteln durchführte, darunter auch Monsanto Roundup. Angeführt wurde das Team von Gilles-Eric Séralini vom Biologie-Institut der französischen Uni Caen und András Székács, am ungarischen nationalen landwirtschaftlichen Forschungs- und Innovationszentrum als Leiter des Instituts für Agrar- und Umweltforschung beschäftigt. Die Wissenschaftler testeten den gesamten Cocktail inklusive der Beistoffe und Rezepturen, die in Kombination mit Glyphosat zum Einsatz kommen.

Ein Ergebnis der Tests war, dass diejenigen Pflanzenvernichtungsmittel, die Glyphosat als Grundstoff und dazu nicht öffentlich bekannte »Rezepturen« oder Tenside verwenden, deutlich giftiger waren als das für sich getestete Glyphosat – nämlich bis zu 2000-mal toxischer. Die genaue Zusammensetzung von Roundup hält Monsanto als Geschäftsgeheimnis unter Verschluss und hat sie – wie eigentlich gesetzlich vorgeschrieben – weder der US-Regierung noch der Öffentlichkeit offengelegt.

Das aktuelle Gerichtsurteil aus San Francisco ist ganz offensichtlich der Auftakt zu einer Flutwelle des Widerstands gegen die Verwendung toxischer und krebserregender Chemikalien in der Landwirtschaft. Diese Stoffe werden größtenteils von Monsanto beziehungsweise jetzt Bayer/Monsanto verkauft. Rund um die Welt zählen besorgte Bürger eins und eins zusammen und erkennen, dass man uns nicht nur zum Narren hält, sondern dass die ganze Sache tödliche Folgen haben könnte.

In Argentinien ist gerade erst eine Studie erschienen, in der Forscher zu dem Schluss gelangten, dass der »Kontakt mit umwelttechnisch relevanten Dosen eines auf Glyphosat basierenden Herbizids während der Schwangerschaft nicht nur die Fruchtbarkeit weiblicher Ratten einschränkt, sondern bei den Nachkommen der zweiten Generation beim Wachstum von Föten Verzögerungen und Missbildungen, darunter anormal entwickelte Extremitäten, auftreten«. Zuvor hatten die Bewohner einer argentinischen Stadt, die sich inmitten eines großen Anbaugebiets von gentechnisch verändertem Soja und Mais befindet, Geburtsdefekte auf einem Niveau beobachtet, das 100 Prozent über dem landesweiten Durchschnitt liegt. Rund um die Stadt wird Glyphosat in großen Mengen versprüht.

 

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